Chemie 2040
Whitepaper · Oktober 2026
I. Executive Summary
Die Weichen sind gestellt. Die Chemieindustrie steht am Beginn der tiefgreifendsten Transformation ihrer Geschichte. Und wir, die deutsche Chemieindustrie, sind besser positioniert als jeder andere, sie anzuführen. Der Abschied vom fossilen Kohlenstoff ist eine Bedrohung, aber sie bedeutet auch die Verschiebung des globalen Wettbewerbs vom Volumen zum Verfahren und genau dort liegen unsere Stärken: Forschungstiefe, Spezialisierung, Verbundstrukturen und ein innovativer Mittelstand, den kein Wettbewerber in dieser Dichte besitzt.
Dieses Papier ist kein Krisendokument, sondern eine Vorstellung vom Weg dorthin: eine Theory of Change, die zeigt, wie aus unserem heutigen Potenzial eine globale Technologieführerschaft der defossilisierten Chemie werden wird: Kohlenstoff aus Biomasse, CO₂ und Rezyklat. Elektrische Prozesse. Kreislauffähige Produkte. Das ist die Zukunft der Chemieindustrie für Deutschland.
Das Papier ruft bewusst nicht nach allgemeinen Subventionen. Gezielte Förderung von Zukunftstechnologie und offener Forschung ist richtig; der dauerhafte Erhalt eines auslaufenden Modells ist es nicht. Unsere Zukunft entscheidet sich nicht an der Höhe staatlicher Mittel, sondern an der Geschwindigkeit, mit der gemeinsames Wissen entsteht und in Anwendung kommt. Im Zentrum steht daher ein konkreter Schritt: der Aufbau einer kollektiven, vorwettbewerblichen Forschungsinitiative — offen, geteilt, über Unternehmensgrenzen hinweg.
##Unsere Theory of Change
In einem Satz: Der Wandel von fossilem zu erneuerbarem Kohlenstoff verschiebt den globalen Wettbewerb vom Volumen zum Verfahren. Weil wir bei den Verfahren einzigartig stark sind, können wir diesen Wettbewerb gewinnen — wenn wir unsere Stärken jetzt durch geteiltes Wissen und Leitmärkte aktivieren.
Die Kausalkette:
Fossiles Modell endet→Wettbewerb verschiebt sich vom Volumen zum Verfahren→unsere Stärken werden zur entscheidenden Währung→Aktivierung durch geteiltes Wissen + Leitmärkte→globale TechnologieführerschaftDie Glieder:
- Das fossile Modell endet — und das ist durchaus eine gute Nachricht. Die Defossilisierung ist unsere Chance, das Spielfeld zu verschieben. (→ Kap. II, IV)
- Der Wettbewerb verschiebt sich vom Volumen zum Verfahren. Asiens Skalen- und Energievorteile verlieren an Gewicht. Unsere gewinnen. (→ Kap. III, IV)
- Unsere Stärken werden zur Währung. Forschungstiefe, Spezialisierung, Verbund, Mittelstand. (→ Kap. III, IX)
- Aktivierung ist eine Wahl. Geteiltes Wissen und Leitmärkte verwandeln Potenzial in Führung. (→ Kap. VIII, X)
- 2040: globale Technologieführerschaft der defossilisierten Chemie. (→ Kap. XI)
Woran kann es scheitern: zu langsamer Ausbau der Erneuerbaren · Forschung, die im Silo bleibt · eine Branche, die defensiv verharrt.
II. Der Moment: Warum jetzt der richtige Zeitpunkt ist
Das fossile Modell geht zu Ende — dieser Verlust ist in Wahrheit unsere größte Chance.
Wir befinden uns in einem Übergang. Die energieintensive Grundstoffchemie steht unter Druck: Kapazitätsauslastungen unter 80 Prozent, verlagerte Produktion, ein Marktumfeld, das das alte Modell aus billigem fossilem Kohlenstoff und billiger Energie nicht mehr trägt.[1][2] Das ist der Befund — und er ist das Einzige, was wir an dieser Stelle über die Gegenwart sagen müssen.
Denn die wichtigere Frage lautet nicht: Wie schlimm ist die Lage? Sondern: Warum ist genau jetzt der richtige Moment? Ein Modellwechsel ist der seltene Moment, in dem Marktführerschaften neu verteilt werden. Wer beim alten Modell vorne lag, muss beim neuen nicht zwangsläufig vorne liegen. Und wer beim alten Modell strukturell im Nachteil war — weil er nicht das Billigste, sondern das Beste produziert; nicht das Größte, sondern das Klügste — der hat beim neuen Modell die besseren Karten.
Das ist unsere Ausgangslage. Das alte Modell endet nicht trotz uns, sondern - wenn wir es richtig angehen - für uns.
III. Warum wir gewinnen können
Unsere Ausgangslage ist einzigartig. Vier Stärken, die im neuen Wettbewerb zur entscheidenden Währung werden.
Die Mutter aller Industrien
Die Chemie ist die stoffliche Grundlage fast jeder anderen Industrie. Mit rund 29.000 Unternehmen, 1,2 Millionen direkten Arbeitsplätzen und 19 Millionen abhängigen Stellen entlang der Lieferketten sind wir der viertgrößte Industriezweig Europas — von der Europäischen Kommission nicht ohne Grund als „Mutter aller Industrien" bezeichnet.[3] Wir sind nicht ein Sektor, den man retten könnte oder nicht. Wir sind die Voraussetzung für die industrielle Leistungsfähigkeit des Kontinents.
Vier Stärken, die im neuen Wettbewerb zählen
Der neue Wettbewerb entscheidet sich nicht am Volumen, sondern am Verfahren. Und bei den Verfahren haben wir vier Trümpfe, die kein asiatischer Wettbewerber in dieser Kombination besitzt:
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Forschungstiefe. Wir sind eine der forschungsintensivsten Industrien der Welt, eingebettet in ein dichtes Netz aus Hochschulen, Max-Planck- und Fraunhofer-Instituten und industrieller Eigenforschung.[4] Neue Verfahren entstehen dort, wo Grundlagenforschung und industrielle Anwendung dicht nebeneinanderliegen. Das ist unser Zuhause — und es lässt sich nicht über Nacht anderswo kopieren.
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Spezialisierung. Rund 43 Prozent unserer Produktion liegt bereits in der Spezialchemie — Farben, Pflanzenschutz, Spezialkunststoffe, Konsumchemikalien.[4-1] Genau dort, wo Wissen statt Volumen über den Preis entscheidet, sind wir stark. Und genau dorthin verschiebt die Transformation die Wertschöpfung. Wir sind schon dort.
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Der Verbund. Das deutsche Modell integrierter Verbundstandorte, in denen die Nebenprodukte der einen Anlage zum Einsatzstoff der nächsten werden, ist weltweit einzigartig effizient. In einer Kreislaufwirtschaft ist diese Infrastruktur Gold wert: Stoff- und Energiekreisläufe lassen sich nirgends leichter schließen als in einem bestehenden Verbund.
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Mittelstand und Kundennähe. Neben den Großkonzernen verfügen wir über einen tiefen, hochspezialisierten Mittelstand mit enger Kundenbindung und kurzen Entscheidungswegen. Agilität, Experimentierfreude, Geschwindigkeit — das sind die Tugenden der Transformation, und sie sind im Mittelstand strukturell verankert (vgl. Kap. IX).
Gegen Asien gewinnen wir anders
Bei Skaleneffekten, Energiepreisen und dem Investitionstempo in Massenkapazitäten werden wir nie gegen Asien gewinnen — und das ist auch nicht unser Spielfeld der Zukunft.[5] Unsere entscheidende Frage ist: Wer beherrscht als Erster die defossilisierte, kreislauffähige Chemie? Wer definiert die Verfahren von morgen statt die Produkte von gestern zu verteidigen? Wer baut die Brücke zwischen akademischer Spitzenforschung und industrieller Anwendung schneller als alle anderen?
Dort gewinnen wir. Die nationale Chemieagenda 2045 adressiert die akute Kostenlage;[6] dieses Papier ergänzt sie um die strategische Ebene: Kostenentlastung lindert das Symptom, Technologieführerschaft heilt die Ursache.
IV. Die notwendige Rohstoffwende
Kohlenstoff ohne Erdöl. Defossilisierung verschiebt das Spielfeld auf unsere Stärke. Das ist der Kern der Transformation.
Nicht Dekarbonisierung: De-fossilisierung
Die Klimadebatte hat einen Begriff in den Vordergrund gerückt, der für uns in die Irre führt: Dekarbonisierung. Stahl, Zement und Energiewirtschaft können kohlenstofffrei werden - sie brauchen Kohlenstoff nur als Energieträger. Wir sind anders. Viele unserer Produkte enthalten Kohlenstoff als Element, auch über 2045 hinaus. Für uns geht es deshalb nicht um Dekarbonisierung, sondern um Defossilisierung: Der Kohlenstoff bleibt im Produkt, allein seine Herkunft muss sich ändern.[7]
Das ist keine kosmetische Unterscheidung. Sie definiert, warum die Transformation der Chemie eine Verfahrensaufgabe ist — und keine Abschaffungsaufgabe. Wir erfinden uns neu, wir hören nicht auf.
Das Portfolio der Zukunft: drei Quellen, ein Ziel
Eine Auswertung von 24 Szenarien aus 15 Studien durch das nova-Institut zeichnet ein klares Bild der Rohstoffbasis 2050:[8]
| Rohstoffquelle | Ø-Anteil Chemiesektor 2050 | Ø-Anteil Kunststoffsektor 2050 |
|---|---|---|
| Biomasse | 22 % | 21 % |
| CCU (CO₂-Nutzung) | 33 % | 17 % |
| Recycling | 20 % | 42 % |
| Fossil + CCS | 24 % | 19 % |
Quelle: nova-Institut / RCI, Mittelwerte über die ausgewerteten Szenarien.[8-1][9]
Die Zukunft ist ein Portfolio - kein einziges Verfahren löst alles, alle drei Quellen werden gebraucht. Was diese Zahlen strategisch bedeuten: CCU, die Nutzung von CO₂ als Rohstoff, bildet mit einem Drittel den größten Einzelanteil unserer künftigen Rohstoffbasis.[8-2] Die Technologie, die CO₂ vom Problem zur Ressource macht, wird zum zentralen Wettbewerbsfaktor — und sie ist eine Verfahrenstechnologie, bei der Forschungstiefe entscheidet.
Biomasse ist die etablierteste Quelle, bei natürlichen Ölen und Harzen schon heute weit verbreitet. Grenzen setzt die Flächenkonkurrenz; Kaskadennutzung und Effizienz entscheiden über die ökologische Bilanz.
Recycling schließt den Kreislauf am direktesten. Im Kunststoffsektor wird es mit 42 Prozent zur dominierenden Quelle.[9-1] Chemisches Recycling überwindet die Qualitätsgrenzen des mechanischen, skaliert aber noch.
CCU macht die Emission zum Rohstoff. Das größte langfristige Potenzial, die größte technologische Entwicklungsdynamik — und das Feld, auf dem heute entschieden wird, wer morgen führt.
Das Spielfeld-Argument
Solange Kohlenstoff aus Erdöl kommt, gewinnt Masse und Preis. Sobald er aus Biomasse, CO₂ und Rezyklat kommt, gewinnt das Verfahren. Diese Verschiebung ist der strategische Kern unserer Theory of Change - und die Begründung, warum wir sie aktiv vorantreiben müssen statt zögernd zu begleiten. Die entscheidende Stellschraube ist dabei nicht nur Technologie, sondern der Aufbau von Leitmärkten: verbindliche Mindestanteile für erneuerbaren Kohlenstoff schaffen die Nachfrage, auf die unsere Verfahren warten.[10][11]
###Aus der Praxis: Die Beschichtung als CO₂-Senke
Was nach Zukunftsmusik klingt, passiert schon heute in unserem Mittelstand. Einzelne Hersteller ökologischer Holzbeschichtungen entwickeln Verfahren, bei denen Mikroorganismen CO₂ aus industriellen Abgasströmen in Kohlenstoffbausteine umwandeln — aus denen dann die Beschichtung selbst aufgebaut wird. Das Ziel: nicht nur ein einzelner Grundstoff aus bakteriell gewonnenem Kohlenstoff, sondern die Beschichtung als Ganzes als CO₂-Senke.
Das verbindet zwei Transformationslinien dieses Papiers: Rohstoffwende (CCU) und weiße Biotechnologie (mikrobielle Synthese). Und der Verwertungsansatz zeigt, wie die Branche der Zukunft funktioniert: als Open-Source-Vorhaben, dessen Ergebnisse der gesamten Branche offenstehen — Wissen wird geteilt, Wettbewerb findet bei Anwendung und Qualität statt, nicht bei Grundlagen.
V. Die Energiewende im Prozess
Grünstrom ist der Treibstoff unserer Transformation und seine Verfügbarkeit die wichtigste externe Bedingung.
Strom als strategische Ressource
Erneuerbarer Kohlenstoff aus CO₂ und Biomasse braucht mehr Energie als die fossile Route — das ist Thermodynamik, keine Schwäche der Technologie. Die Elektrifizierung unserer Prozesse erfordert drei- bis fünfmal, die H₂-Route acht- bis elfmal so viel erneuerbare Energie wie heute.[12] Daraus folgt: Wer die Transformation will, muss den Ausbau der Erneuerbaren mit gleicher Entschlossenheit wollen. Beides gehört zusammen.
Drei Hebel, klar priorisiert
Unsere Prozess-Dekarbonisierung folgt einer klaren Logik:[13]
- Effizienz zuerst — von drehzahlgeregelten Antrieben bis zur Wärmerückgewinnung, mit Amortisationszeiten von ein bis zwei Jahren. Ein unterschätzter Hebel.
- Elektrifizierung — Power-to-Heat, elektrisch beheizte Anlagen. Der Leuchtturm: der weltweit erste elektrisch beheizte Steamcracker von BASF, Linde und SABIC in Ludwigshafen.[13-1]
- Grüner Wasserstoff — gezielt dort, wo Hochtemperaturwärme und molekulare Energie gefragt sind; nicht als Universallösung, die knappe erneuerbare Energie verschwendet.[14]
VI. Kreislaufwirtschaft als Designprinzip
Kreislauffähigkeit ist kein Entsorgungsthema — sie ist Verfahrensinnovation und Wettbewerbsvorteil.
Vom Produkt her denken
Kreislaufwirtschaft beginnt nicht am Ende der Wertschöpfungskette. Sie beginnt am Anfang der Produktentwicklung. Ein Produkt, dessen Materialien sortenrein trennbar, biologisch abbaubar oder hochwertig wiederverwertbar sind, schließt den Kohlenstoffkreislauf statt ihn zu unterbrechen — und schafft damit eine Rohstoffquelle für den nächsten Zyklus. Recycling ist eine der drei Quellen erneuerbaren Kohlenstoffs (Kap. IV). Kreislaufdesign ist Rohstoffstrategie.
Regulatorischer Rückenwind
Die EU treibt diesen Wandel aktiv: Der Circular Economy Act 2026 schafft verlässliche Märkte für Sekundärrohstoffe und einheitliche End-of-Waste-Kriterien.[15] Das Ziel: der Anteil zirkulär genutzten Materials soll von 11,8 auf 24 Prozent bis 2030 steigen.[16] Der digitale Produktpass macht Kreislauffähigkeit zur dokumentierten, verkäuflichen Produkteigenschaft.[17] Regulierung, richtig gelesen, ist kein Hindernis — sie ist Marktnachfrage für das, was wir bauen.
###Aus der Praxis: Cradle to Cradle als Rezepturentscheidung
Beispiele aus unserem Mittelstand zeigen: Kreislauffähigkeit ist eine Entscheidung, die am Anfang der Rezepturentwicklung fällt — nicht am Ende. Hersteller, die auf nachwachsende, regionale Rohstoffe setzen, gestalten Produkte so, dass sie am Lebensende biologisch in den Kreislauf zurückkehren, statt als Sondermüll zu enden. Das ist Cradle to Cradle als Konstruktionsprinzip.
VII. Die Werkzeuge: Weiße Biotechnologie und KI
Zwei Querschnittstechnologien, die unsere Wertschöpfung vom Volumen zum Wissen verschieben.
Biologie als Syntheseweg
Die weiße Biotechnologie — Mikroorganismen und Enzyme als Produktionswerkzeuge — wandelt Biomasse und sogar CO₂ in chemische Bausteine um: oft unter milderen Bedingungen, mit weniger Energie, weniger Abfall als die klassische Synthese. Und ihr Potenzial wächst schneller als der Chemiemarkt insgesamt, mit dem größten Hebel in der Feinchemie.[18]
Die Technologie ist schon heute industriell: Covestro produziert Anilin auf Basis pflanzlicher Biomasse statt Erdöl; LanzaTech und BASF nutzen industrielle Abgase als Rohstoff.[19] Weiße Biotechnologie ersetzt die klassische Chemie nicht — sie erschließt ihr neue Rohstoffquellen und neue Selektivität.
KI als Beschleuniger
Künstliche Intelligenz beschleunigt die Transformation vor allem dort, wo heute noch Zeit verloren geht: in der Suche nach neuen Molekülen, Katalysatoren und Rezepturen. KI-Modelle sagen aussichtsreiche Kandidaten voraus, bevor ein Experiment stattfindet. Sie steuern Prozesse datengetrieben, senken Energie- und Materialverbrauch, stabilisieren Ausbeuten. Und sie machen die wachsenden Datenmengen aus Lieferketten und Lebenszyklus auswertbar - die Voraussetzung für funktionierende Kreislaufwirtschaft (Kap. VI).
Gemeinsamer Nenner: Beide Technologien verschieben unsere Wertschöpfung vom Volumen zum Wissen. Und Wissen ist die Stärke, bei der wir vorne liegen.
VIII. Regulatorik
Vom Bremser zum Rückenwird. Die konvergierende Stoßrichtung der Regulierung zeigt zumindest in die Richtung, in die wir wollen.
Ein Rahmen, der in unsere Richtung drückt
Die Regeldichte nimmt zu - aber ihre Richtung ist eindeutig: Alle relevanten Rahmenwerke drängen zu defossilisierten, kreislauffähigen, transparent dokumentierten Produkten. Das ist im Moment noch Bürokratie, die einen bremst. Es kann aber langfristig auch Marktnachfrage sein, die für unsere Transformation entsteht.
| Rahmenwerk | Kern | Status / Zeithorizont |
|---|---|---|
| Clean Industrial Deal | Übergreifende Industriestrategie | seit 2025 in Umsetzung[15-1] |
| Chemicals Industry Action Plan | Sektorstrategie inkl. Critical Chemicals Alliance | vorgelegt Juli 2025[3-1] |
| 6. Omnibus-Paket | Vereinfachung von Kennzeichnung & Registrierung | 2025/26[20] |
| Circular Economy Act | Sekundärrohstoffe, End-of-Waste-Kriterien | für 2026 angekündigt[15-2] |
| CBAM (CO₂-Grenzausgleich) | Verteuerung CO₂-intensiver Importe | Kaufpflicht ab 2027[20-1] |
| CSDDD (Lieferkettensorgfalt) | Menschenrechts- & Umweltsorgfalt | nationale Umsetzung bis Juli 2027[21] |
| Digitaler Produktpass | Materialtransparenz über Lebenszyklus | gestaffelte Einführung[17-1] |
| Nationale Chemieagenda 2045 | Kostenentlastung, Forschung, Resilienz | vorgelegt 2026[6-1] |
CBAM verteuert den fossilen Import — und verbessert damit die relative Position defossilisierter Produktion in Europa. Der digitale Produktpass macht Kreislafffähigkeit zum verkaufbaren Merkmal. End-of-Waste-Kriterien schaffen verlässliche Märkte für Sekundärrohstoffe. Jede dieser Regeln ist für uns eine Chance — wenn wir früher konform sind als unsere Wettbewerber.
Hinzu kommt: Das Omnibus-Paket signalisiert, dass die EU administrative Lasten aktiv senken will — nach Kommissionsangaben um mindestens 363 Millionen Euro jährlich.[3-2] Regulierung schafft Leitmärkte und senkt Bürokratie zugleich. Das ist der Rückenwind, den wir nutzen sollten.
IX. Der Mittelstand als Innovationslabor
Innovationsfähigkeit und Unternehmensgröße sind in der Transformation entkoppelt.
Das Reallabor
Die Transformation braucht beides: die Investitionskraft der Großkonzerne und die Agilität des Mittelstands. Große Anlagen sind für stabile Massenproduktion optimiert, das ist ihre Stärke und in einer Phase des Wandels ihre Trägheit. Ein mittelständischer Spezialist ändert Rezepturen schneller, erprobt neue Verfahren früher, geht unkonventionelle Kooperationen ein. Er ist das natürliche Reallabor: hier lassen sich neue Verfahren schnell, günstig und mit überschaubarem Risiko validieren, bevor sie in den großindustriellen Maßstab gehen.
Aus der Praxis: Was die Vorreiter zeigen
Einzelne Hersteller mit wenigen Dutzend Beschäftigten haben Schritte vollzogen, die auch bei deutlich größeren Akteuren selten sind: CO₂-Neutralität über alle drei Scopes als erreichter Status, B-Corp-Zertifizierung mit industrieweit hohen Bewertungen, eigene offen geführte CCU-Forschung mit akademischen Partnern, öffentliche Technologie-Roadmaps als lebende Strategiedokumente.
Die Lehre ist nicht, dass einzelne Unternehmen vorbildlich handeln. Die Lehre ist strukturell: Wer Klimaschutz als Kern des Geschäftsmodells begreift, kann eine technologisch anspruchsvolle Transformationsagenda fahren — unabhängig von der Mitarbeiterzahl. Was im Kleinen funktioniert, ist im Großen keine Utopie, sondern eine Frage der Entschlossenheit.
X. Handlungsempfehlung: Eine kollektive Forschungsinitiative
Der konkrete nächste Schritt: aus Potenzial Führung machen.
Der entscheidende Hebel ist Wissen, nicht allein Geld
Gezielte Förderung von Forschung und Transformation ist richtig und nötig — das betonen wir ausdrücklich. Aber die eigentliche Engstelle liegt woanders: in der Umsetzungslücke zwischen Laborinnovation und großskaliger Anwendung.[11-1] Diese Lücke schließt sich nicht dadurch, dass jedes Unternehmen dieselben Grundlagenprobleme hinter verschlossenen Türen erneut löst. Sie schließt sich durch geteiltes, vorwettbewerbliches Wissen. Die Defossilisierung ist eine Generationenaufgabe — und für proprietäre Einzellösungen schlicht zu groß. Hier liegt die Pointe unserer Theory of Change: Der Hebel, der über die Führung entscheidet, ist nicht primär Geld, sondern die Geschwindigkeit, mit der wir gemeinsam lernen.
Unser Vorschlag: Eine offene Forschungsplattform
Wir empfehlen den Aufbau einer kollektiven, vorwettbewerblichen Forschungsinitiative für die Defossilisierung der Chemie, getragen von Industrie und Wissenschaft gemeinsam:
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Open-Source-Prinzip. Grundlagenwissen zu CCU, weißer Biotechnologie und kreislauffähigen Materialien wird geteilt. Der Wettbewerb findet bei Anwendung, Qualität und Skalierung statt — dort, wo er hingehört.
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Brücke zwischen Akademie und Industrie. Demonstrations- und Pilotvorhaben werden gebündelt, Ergebnisse über Unternehmensgrenzen hinweg verfügbar gemacht. Forschungs-Hubs als Format, das unsere größte Stärke — die Forschungstiefe — in Anwendungsgeschwindigkeit verwandelt.
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Offen für alle Größen. Der Mittelstand erhält Zugang zu Forschung, die er allein nicht finanzieren könnte; seine Agilität und Reallabor-Erkenntnisse fließen zurück in den gemeinsamen Pool.
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Leitmärkte und gezielte Technologieförderung. Die Politik flankiert die Initiative durch einfache, verlässliche Instrumente: unbürokratische Mindestanteile für erneuerbaren Kohlenstoff, konsequenten CBAM-Vollzug, nachhaltige öffentliche Beschaffung. Öffentliche Mittel fließen in Forschung und Transformation — nicht in den Strukturerhalt eines auslaufenden Modells.
Der Beweis, dass dieses Prinzip funktioniert, liegt bereits vor: Offen geführte CCU-Vorhaben aus unserem Mittelstand zeigen, dass geteiltes Wissen skaliert, was proprietäres Wissen nicht skalieren kann.
XI. Chemie 2040
Das Bild, das wir erreichen wollen.
Schließen wir die Theory of Change mit dem Bild, auf das sie zuläuft.
2040 sieht die deutsche Chemieindustrie grundlegend anders aus als heute. Unser Kohlenstoff stammt überwiegend aus Biomasse, CO₂ und Rezyklat. Unsere Prozesse laufen elektrisch, dort, wo es thermodynamisch möglich ist; grüner Wasserstoff ergänzt, wo molekulare Energie gebraucht wird. Unsere Produkte sind von Anfang an für den Kreislauf konstruiert und über digitale Pässe lückenlos dokumentiert. Weiße Biotechnologie und KI sind keine Versprechen mehr, sondern Produktionsrealität. Und unsere Wertschöpfung hat sich vom Volumen zum Wissen verschoben — genau dorthin, wo unsere Stärken liegen.
Europa ist nicht der billigste Chemiestandort der Welt. Es ist der fortschrittlichste.
Diese Zukunft ist nicht garantiert und eine Theory of Change muss sagen, woran sie scheitern kann:
- Zu langsamer Ausbau der Erneuerbaren. Ohne große Mengen bezahlbaren Grünstroms bleibt die Rohstoff- und Energiewende theoretisch, weil sie sich schlicht nicht rechnet (Kap. V).
- Forschung, die im Geheimen bleibt. Wenn jeder sein Wissen hütet, schließt sich die Umsetzungslücke nicht — und Glied 4 der Kette trägt nicht (Kap. X).
- Eine Branche, die defensiv verharrt. Wenn wir Regulierung nur abwehren statt sie als Leitmarkt zu nutzen, verschenken wir den zweiten Aktivierungshebel — und mit ihm den Vorsprung (Kap. VIII).
Diese Bruchstellen sind kein Grund zur Resignation, sondern die präzise Liste dessen, woran wir arbeiten müssen. Genau das macht eine Theory of Change wertvoll: Sie verwandelt eine vage Hoffnung in eine überprüfbare Agenda.
Wir haben die wissenschaftliche Tiefe, die industrielle Erfahrung und — wie Beispiele aus unserem Mittelstand zeigen — auch die unternehmerische Fantasie, um diesen Übergang anzuführen. Gegen Asien gewinnen wir nicht den Wettlauf um die billigste Tonne, sondern den um das beste Verfahren.
Das Bild von 2040 wartet darauf, von uns gebaut zu werden. Welches Ende diese Geschichte nimmt, ist keine Frage des Schicksals, sondern unserer Entscheidung, die Kette zu schließen.
Kipfenberg, im Oktober 2026
Quellen:
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Verband der Chemischen Industrie (VCI): Quartalsbericht 1/2026 — „Keine Trendwende zum Jahresauftakt". vci.de, Juni 2026.
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VCI / Jahrespressekonferenz, Aussagen von Präsident Markus Steilemann zur Lage 2025 und zum Ausblick 2026. Berichtet u. a. bei process (Vogel), KunststoffWeb und MarketScreener, Dezember 2025.
-
Europäische Kommission: „Plan for stronger EU chemical industry", Pressemitteilung vom 8. Juli 2025; Europäisches Parlament, Legislative Train Schedule (European Chemicals Industry Action Plan).
-
CHEManager: „Chemieindustrie 2030 — die Zukunft ist gestaltbar" (Spezialchemie ≈ 43 % der Produktion; Forschungsintensität; Fortbestand des Verbunds).
-
Chemiereport / Commerzbank-Analyse: Steigender Wettbewerbsdruck durch technologisch aufholende Schwellenländer auch in der Spezialchemie; F&E und Kundennähe als zentrale Differenzierung.
-
VCI und Bundesumweltministerium (BMUKN): „Nationale Chemieagenda 2045", vorgelegt 2026.
-
VCI: Positionspapier zu CCU in der Chemieindustrie (Defossilisierung statt Dekarbonisierung), 2023.
-
nova-Institut im Auftrag der Renewable Carbon Initiative (RCI): „Evaluation of Recent Reports on the Future of a Net-Zero Chemical Industry in 2050", 2024 (24 Szenarien aus 15 Studien).
-
nova-Institut / RCI, ebd.; Sektorwerte Chemie und Kunststoff. Berichtet u. a. bei chemie.de, EUWID-Recycling und Recyclingportal.
-
Europäische Kommission: Chemicals Industry Action Plan und Affordable Energy Action Plan, 2025.
-
Renewable Carbon Initiative (RCI): Zehn Politikvorschläge zur Defossilisierung des europäischen Chemiesektors, 2025.
-
Deloitte: „Chemieindustrie und Energiewirtschaft — gemeinsam in eine dekarbonisierte Zukunft".
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prozesstechnik-online / CHEManager: Dekarbonisierung der Chemieindustrie (elektrisch beheizter Steamcracker BASF/Linde/SABIC, Effizienzhebel), 2026.
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Energie-Experten / prozesstechnik-online: Rolle und Grenzen von grünem Wasserstoff vs. direkter Elektrifizierung, 2026.
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Europäische Kommission: Clean Industrial Deal und Circular Economy Act 2026.
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Deutscher Naturschutzring (DNR) zum Clean Industrial Deal: Zielwert Kreislaufmaterial 11,8 % → 24 % bis 2030, 2025.
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Foresight / EU-Kommission: Digital Product Passport im Rahmen des EU Chemicals Industry Action Plan.
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CHEManager / biotech-info24: Weiße Biotechnologie — Marktwachstum oberhalb des Chemiemarkts, Schwerpunkt Feinchemie.
-
chemie.de: Industrieprojekte der weißen Biotechnologie (Covestro Anilin-Pilotanlage; LanzaTech/BASF), 2026.
-
EY / Baker McKenzie: 6. Omnibus-Paket, CBAM-Anpassungen (Kaufpflicht ab 2027).