Technologie Roadmap 2030
Seit mehr als 50 Jahren entwickeln wir Beschichtungssysteme, die besser für Mensch und Umwelt sind. Hier legen wir dar, wie wir die technologische Entwicklung der nächsten zehn Jahre einschätzen und welche konkreten Projekte wir planen.
Drei Pfeiler, ein Ziel
Unsere technologische Arbeit der nächsten zehn Jahre konzentriert sich auf drei Felder, die sich gegenseitig bedingen:
- Leistungsfähige Produkte aus besseren Rohstoffen
- Nichts verschwenden – Kreisläufe schließen
- Daten, die Können sichtbar machen
Pfeiler 1: Rohstoffe & Chemie
Dieser Pfeiler umfasst alles, was in der Flasche ist – woher die Inhaltsstoffe kommen, wie sie wirken und wie wir sie weiterentwickeln. Fünf Entwicklungslinien laufen hier parallel.
CO₂ als Rohstoffquelle – Carbon to Coatings
Seit 2022 erforschen wir gemeinsam mit der Charité Berlin und der Universität Ulm, ob sich atmosphärisches CO₂ mithilfe von Bakterien in Grundstoffe für Beschichtungen umwandeln lässt – und ob diese Stoffe anschließend dauerhaft im Holz gebunden werden können. Das wäre kein schrittweiser Fortschritt, sondern ein grundlegender Paradigmenwechsel in der Rohstoffchemie. Und mehr als das: Wenn CO₂ dauerhaft im Holz gespeichert bleibt, ist jede behandelte Holzfläche eine aktive Klimaschutzmaßnahme – eine direkte Verbindung zwischen Beschichtungstechnologie und CO₂-Speicherung im Holzbau.
- 2026–2028: Abschluss der Grundlagenforschung, erste Bewertung der technischen Übertragbarkeit auf Produktformulierungen.
- 2028–2032: Sofern die Ergebnisse es erlauben – Entwicklung erster Formulierungen auf Basis biotechnologisch gewonnener Rohstoffe.
- ab 2032: Integration in das Produktportfolio, wo Leistung und Verfügbarkeit das rechtfertigen.
Rohstoff-Resilienz: Vorbereitung auf eine veränderte Materialbasis
Der Klimawandel verändert nicht nur die Qualität des Holzes, sondern auch die Verfügbarkeit und Eigenschaften pflanzlicher Rohstoffe, auf denen unsere Formulierungen basieren. Leinöl, Terpentinderivate, pflanzliche Harze – ihre Qualität und regionale Verfügbarkeit werden sich in den nächsten Jahrzehnten verschieben. Wir bauen systematisch Wissen darüber auf, welche Alternativen und Substitute es gibt, und entwickeln Formulierungen, die nicht von einzelnen kritischen Rohstoffen abhängig sind.
- 2026–2028: Kartierung der Rohstoff-Risiken im gesamten Portfolio. Welche Inhaltsstoffe sind substituierbar, welche nicht?
- 2028–2031: Entwicklung von Formulierungsvarianten mit alternativen biobasierten Rohstoffen. Aufbau von Lieferantenbeziehungen in verschiedenen Klimazonen.
- ab 2031: Rohstoff-Resilienz als Standard-Kriterium bei jeder Neuformulierung.
Schnelltrocknende Industriebeschichtungen mit immer höherem Biobasierungsgrad
Industrielle Beschichtungsprozesse verlangen kurze Taktzeiten, hohe Reproduzierbarkeit und Eignung für maschinelle Auftragsverfahren. Gleichzeitig liegt der Biobasierungsgrad vieler marktgängiger Systeme noch weit unter dem, was chemisch möglich wäre. Wir entwickeln Beschichtungssysteme, die beides verbinden: einen Anteil nachwachsender Rohstoffe von deutlich über 80 % und Trocknungszeiten, die den Anforderungen industrieller Fertigungslinien genügen – ohne Kompromisse bei Beständigkeit und Verarbeitbarkeit.
- 2026–2028: Laborentwicklung und erste Praxistests mit Industriepartnern.
- 2028–2030: Optimierung der Formulierung, Anpassung an unterschiedliche Applikationsverfahren.
- ab 2030: Markteinführung für den industriellen Einsatz.
Außenbeschichtungssysteme mit außergewöhnlicher Haltbarkeit
Beschichtungen für den Außenbereich stehen unter permanentem Stress: UV-Strahlung, Feuchtigkeit, Temperaturschwankungen, biologischer Bewuchs. Viele biobasierte Systeme haben hier bislang Schwächen gegenüber synthetischen Alternativen. Klimaanpassung wird dieses Thema noch drängender machen: intensivere Witterungsereignisse, häufigere Feuchtewechsel, neue Schädlingsbilder. Unser Ziel ist ein Außenbeschichtungssystem, das vollständig auf natürlichen Inhaltsstoffen basiert und dabei eine Haltbarkeit erreicht, die mit konventionellen Systemen mithalten kann. Die Grundlage bilden modifizierte pflanzliche Öle, natürliche Harze und biobasierte Additive, deren Kombination wir gezielt auf Witterungsbeständigkeit und Schutzdauer optimieren.
- 2026–2027: Entwicklung und Erprobung unterschiedlicher Formulierungsansätze unter realen Bewitterungsbedingungen.
- 2027: Verfeinerung der leistungsfähigsten Systeme, Zulassungsverfahren.
- ab Ende 2027: Markteinführung, zunächst für ausgewählte Anwendungsbereiche wie Fassade, Terrassenbereich und Gartenholz.
Klimawandel als Markttreiber: neue Anforderungen an Schutz und Gesundheit
Der Klimawandel verändert nicht nur die Rohstoffbasis – er verändert auch, was Beschichtungssysteme leisten müssen. Wärmere, feuchtere Innenräume begünstigen Schimmel und biologischen Bewuchs. Intensivere Niederschläge und Hitzeperioden im Wechsel beanspruchen Fassaden und Außenholz stärker als je zuvor. Neue Schädlingsbilder erreichen Regionen, in denen sie früher nicht vorkamen.
Das sind keine abstrakten Zukunftsszenarien – das ist der Markt von heute. Wir begegnen diesen Anforderungen bereits mit konkreten Produktantworten: unsere Silikat-Wandfarbe mit einem pH-Wert von 11,4 wirkt schimmelhemmend durch rein physikalische, alkalische Wirkung – ohne Biozide. Der Imprägniergrund W200 schützt Holz durch natürlichen physikalischen Holzschutz, nicht durch toxische Wirkstoffe. Beides sind Ansätze, die mit steigendem Befallsdruck relevanter werden, nicht weniger.
Die Entwicklungsarbeit der nächsten Jahre zielt darauf ab, diese Wirkprinzipien auf weitere Produktkategorien auszuweiten und für neue klimatische Anforderungsprofile zu optimieren – immer mit dem Grundsatz: Schutz durch Physik und Chemie, die mit der Natur arbeiten, nicht gegen sie.
- 2026–2028: Systematische Analyse veränderter Klimaanforderungen nach Region und Anwendungsbereich. Welche Produkte decken den neuen Bedarf bereits ab – und wo entstehen Lücken?
- 2028–2031: Erweiterung des schimmelhemmenden und biologisch schützenden Produktspektrums auf Basis natürlicher Wirkmechanismen. Entwicklung von Formulierungen, die für intensivere Bewitterungsszenarien ausgelegt sind.
- ab 2031: Klimaanpassung als explizites Kommunikationsmerkmal: Produkte, die nicht trotz natürlicher Inhaltsstoffe schützen, sondern wegen ihnen.
Verstärkung der Festigkeit und Holzstruktur von Schlechtholz
Mehr Leistung aus schwächerem Ausgangsmaterial. Nicht jedes Holz hat die strukturelle Qualität, die für anspruchsvolle Anwendungen gefragt ist. Schnell gewachsene Hölzer, Recyclingholz oder Holzarten mit geringerer Dichte haben oft Eigenschaften, die ihren Einsatz einschränken – obwohl sie als nachwachsende Rohstoffe ökologisch sinnvoll wären. Durch den Klimawandel nimmt die Dichte und damit die Qualität vieler heimischer Holzarten kontinuierlich ab. Das ist kein zukünftiges Problem – es ist eines, das in Sägewerken und bei Verarbeitern bereits heute ankommt. Wir erforschen Beschichtungs- und Imprägnierungssysteme, die die Zellstruktur des Holzes gezielt stabilisieren und verstärken, ohne dass dafür ressourcenintensive Alternativen nötig wären. Ziel ist es, Holz minderer struktureller Qualität für Anwendungen nutzbar zu machen, für die es heute nicht geeignet ist.
- 2026–2028: Grundlagenarbeit zu Eindringtiefen, Viskositäten und strukturellen Wirkungsmechanismen.
- 2028–2029: Entwicklung anwendungsfertiger Systeme, Validierung für spezifische Einsatzkategorien wie konstruktive Verwendung oder Terrassendielen aus Schwachholz.
- ab 2030: Produktentwicklung und Markteinstieg in Kooperation mit Holzverarbeitern.
Pfeiler 2: Kreislaufwirtschaft & Verpackung
Cradle to Cradle ist kein Zertifikat, sondern eine Vorgehensweise: Produkte so gestalten, dass ihre Bestandteile nach der Nutzung sicher in biologische oder technische Kreisläufe zurückgeführt werden können. Das gilt für Inhaltsstoffe genauso wie für Verpackungen. Das PNZ-Öl ist seit 2022 nach Cradle-to-Cradle-Standards zertifiziert. Die Wandfarbe ohne Abfall kam 2023 auf den Markt. Beides sind Schritte auf einem längeren Weg.
- 2026–2028: Systematische Überprüfung des gesamten Portfolios auf C2C-Tauglichkeit. Welche Inhaltsstoffe und Formulierungsansätze sind mit biologischen und technischen Kreislaufprinzipien kompatibel – und wo müssen wir reformulieren? Parallel dazu: Entwicklung von Verpackungslösungen, die Mehrwegfähigkeit und industrielle Praktikabilität verbinden.
- 2028–2032: Kontinuierliche Weiterentwicklung von C2C-tauglichen Möglichkeiten. Erprobung neuer Verpackungskonzepte im Handel und mit Industriekunden.
- ab 2032: C2C als Standard-Entwicklungsprinzip: Kein neues Produkt ist mehr auf dem Markt, dessen Kreislauffähigkeit nicht von Anfang an mitgedacht wurde. Verpackungslösungen, die den gesamten Produktlebenszyklus abdecken – von der Erstbefüllung bis zur Rückführung.
Pfeiler 3: Digitale Lieferkette & Zertifizierung
Wir sind keine Freunde der Glaubwürdigkeitsdiskussion in Fragen der Nachhaltigkeit. Wir haben 2021 gemeinsam mit dem Fraunhofer IPA den Eco-Hub aufgebaut – eine Plattform zur branchenübergreifenden Umweltdatenerfassung. Das war der Anfang eines noch langen Weges.
- 2026–2028: Ausbau des Eco-Hubs zur vollständigen digitalen Erfassung aller relevanten Umweltkennzahlen entlang unserer Lieferkette – von der Rohstoffgewinnung bis zur Auslieferung. Ziel ist eine lückenlose, auditierbare Datenbasis, die Zertifizierungen beschleunigt und Greenwashing-Risiken für uns und unsere Kunden eliminiert.
- 2028–2031: Verknüpfung der Lieferkettendaten mit Produktdatenblättern, Zertifizierungsnachweisen und Digitalem Produktpass (DPP) in Echtzeit. Industriekunden sollen für jedes Produkt auf Knopfdruck belegen können, was darin steckt und woher es kommt – für ihre eigenen Nachhaltigkeitsberichte, Ausschreibungen und Compliance-Anforderungen. In diesem Rahmen erforschen wir auch diagnosefähige Beschichtungen: Systeme, die messbare Informationen über ihren eigenen Zustand liefern – Schichtdicke, Verwitterungsgrad, Wartungsbedarf. Das schließt den Kreis zwischen digitalem Produktpass und realem Produktzustand.
- ab 2030: Öffnung der Plattform für externe Partner: Rohstofflieferanten, Verarbeitungsbetriebe und Handelskunden können ihre eigenen Daten einpflegen und miteinander verknüpfen. Eine gemeinsame digitale Infrastruktur für transparente Lieferketten in der Beschichtungsindustrie.
Was wir noch nicht wissen
Manche Entwicklungen auf dieser Roadmap hängen von Forschungsergebnissen ab, die noch ausstehen. Die Carbon-to-Coatings-Technologie ist wissenschaftlich vielversprechend – ob sie sich wirtschaftlich in Produktformulierungen übersetzen lässt, wird die Forschung der nächsten Jahre zeigen. Beim Strukturverstärkungs-System ist die Grundlagenarbeit noch am Anfang. Und manche regulatorischen Rahmenbedingungen – etwa für Kreislaufwirtschafts-Zertifizierungen oder digitale Produktpässe – werden sich in den nächsten Jahren noch erheblich verändern.
Wir halten diese Seite aktuell. Wenn sich etwas ändert, sagen wir das.
Woran wir auch denken müssen
Nicht alles, was relevant ist, lässt sich schon in konkrete Projektpläne übersetzen. Zwei Themen begleiten unsere Arbeit als offene Fragen, die wir methodisch und inhaltlich mitdenken müssen.
Biodiversitätsfootprint
Der ökologische Fußabdruck eines Unternehmens endet nicht beim CO₂. Rohstoffgewinnung, Flächennutzung, Wasserverbrauch und Chemikalieneinsatz haben direkte Auswirkungen auf Ökosysteme und Artenvielfalt. Methodisch belastbare Standards zur Messung und Bewertung des Biodiversitätsfußabdrucks befinden sich noch in der Entwicklung – sowohl wissenschaftlich als auch regulatorisch. Wir verfolgen diese Entwicklung aktiv und werden uns positionieren, sobald es belastbare Grundlagen gibt. Vorläufige Schnellmessungen, die mehr nach Bekenntnis als nach Erkenntnis aussehen, sind nicht unser Weg.
Soziale Aspekte und gesellschaftlicher Nutzen
Als B Corporation messen wir uns nicht nur an ökologischen, sondern auch an sozialen Kriterien: faire Arbeitsbedingungen entlang der Lieferkette, regionale Wertschöpfung, Zugänglichkeit unserer Produkte für unterschiedliche Marktsegmente. Der gesellschaftliche Nutzen von langlebigen, gesunden Beschichtungssystemen – weniger Schadstoffe in Innenräumen, gesündere Wohnumgebungen, weniger Ressourcenverschwendung durch frühen Produktverschleiß – ist real, aber schwer zu monetarisieren und selten sichtbar. Wir wollen daran arbeiten, diesen Nutzen besser zu dokumentieren und zu kommunizieren, ohne dabei in Selbstlob zu verfallen.
Unsere Leitlinie für alle drei Pfeiler
Jedes Projekt auf dieser Roadmap muss vier Fragen standhalten:
1. Ist das Endprodukt leistungsfähiger oder mindestens gleichwertig gegenüber dem, was heute auf dem Markt ist?
2. Ist der ökologische Fußabdruck messbar besser?
3. Lässt es sich zu einem Preis herstellen, der für unsere Kunden tragbar ist?
4. Ist es kreislauffähig – oder zumindest auf dem Weg dorthin?
Wenn alle vier Antworten positiv sind, machen wir weiter. Wenn nicht, fangen wir neu an.
Warum hier nichts über PCF steht
Der ökologische Produkt-Fußabdruck (auch: Product Carbon Footprint, PCF) ist viel in der Diskussion. Wir werden an dem Thema nicht mehr viel Arbeit investieren, weil es keinen wirklichen Sinn ergibt – aus folgenden Gründen:
- Die Summe aller PCF eines Unternehmens ist der Gesamtfußabdruck des Unternehmens.
- Wir messen, reduzieren und kompensieren unseren CO₂-Gesamtfußabdruck seit vielen Jahren.
- Die Frage der Verteilung (wieviel vom Gesamtfußabdruck entfällt auf welches Produkt) ist in homogenen Gruppen eine zweitrangige Frage. Sie entspricht etwa der Frage, welcher Teil der Kosten der Weihnachtsfeier bei BMW auf das Lenkrad entfällt.
- Die Ermittlung des PCF ist technisch möglich (und wird von uns auch gelegentlich gemacht), aber sie ist aufwändig und fehler- (und gelegentlich auch täuschungs-)anfällig. Alle schlechten Emissionen auf ein Produkt, das man sowieso nicht verkauft – und schon strahlen andere Produkte in falschem Glanz.
Daher konzentrieren wir unsere Aktivitäten lieber auf Themen, bei denen wir einen höheren messbaren Impact haben.
Stand: 2026. Nächste Aktualisierung: 2027.